Zur Geschichte der Imkerei im Raum Villingen

Bienen, Honig und Wachs

Honigbienen waren ein natürlicher Bestandteil der Tierwelt der sonnendurch- fluteten Lauburwälder auch unseres Raumes, schon lange bevor der Mensch ihn besiedelte und nutzte. Hohle Stämme waren ein idealer Platz für Wabenbau, Brut und Vorräte. Ähnlich dem Bären suchten unsere Vorfahren nach solchen wildlebenden Bienenvölkern, um mit Hilfe von Feuer und Rauch ihre Vorräte an Honig und Wachs zu erbeuten.

Bald schon lernte der Mensch, daß er ein Volk mehrfach nutzen konnte, wenn er es nicht völlig zerstörte und einen Teil der Vorräte beließ. Die Bienen flogen zurück und bauten das zerstörte Wabenwerk wieder aus. Und statt das Volk in seinen Behausungen im Wald zu belassen war es bequemer, das bewohnte Stammstück auszuschneiden und als Klotzbeute am Haus aufzustellen. So ließen sich Bienen auch transportieren, wenn ein Wohnwechsel anstand. Noch bequemer wurde es, als man auf die Idee kam, leichtere Behausungen aus z.B. lehmbestrichenen Korbgeflechten oder Stroh anzufertigen und die Bienen dort einzulogieren. Die Bienenhaltung war erfunden.

Für das alemannischen Siedlungsgebiet wurde ein eher flacher, breiter Stroh- korb typisch, der "alemannische Rumpf" mit seinen vielen Abwandlungen.

In einer Zeit, in der Süßigkeiten Pfennigprodukte und Licht allüberall eine Selbst- verständlichkeit sind, kann man sich kaum noch den Wert von Honig und Wachs in früheren Zeiten vorstellen. Vor der Erfindung des Herstellungsverfahrens für Rübenzucker im letzten Jahrhundert war Honig der einzige erschwingliche  Süßstoff, eine Kostbarkeit und Götterspeise. Und die Wachskerze war die einzige  Lichtquelle, die nicht nur ein helles Licht spendete, sondern auch noch duftete statt zu blaken und zu stinken wie Kienspan, Talg oder Tran. Damit war das Wachs wichtig  und unentbehrlich für Gottesdienst und Hofhaltung, eine wahre Kostbarkeit. Auch das Handwerk hatte vielfältige Verwendung vor allem für das Wachs. Und entsprechend angesehen war die Stellung des Imkers, der die Geheimnisse um die Bienen und die Herstellung dieser kostbaren Bienen- produkte gut bewahrte.

Schon Karl der Große ordnete 812 in seinem berühmten Kapitulare über die kaiserlichen Landgüter die Bienenhaltung an. Das galt damit auch für unseren Raum.  Die Inhaber von Lehensgütern mußten unter Karl  immer genügend Leute zur Besorgung der Bienen halten. Honig und Wachs waren wichtiger Bestandteil der jährlichen Abgaben an Klöster und Lehensherren während des ganzen Mittelalters. Höfe mit Bienenhaltung waren wertvoller Besitz. Mancherorts entstand eine besondere Form der Schutzhörigkeit, die Wachszinsigen: Bauern, die sich auf Kirchengrund niedergelassen hatten und für den dadurch erlangten Schutz der Kirche am jährlichen Festtag des Heiligen eine festgelegte Menge an Wachs zinsten. Chroniken aus dem 13.Jahrhundert  berichten z.B. von "Immenhöfen“  bei Volkertsweiler als Beispiel aus unserem Raum.

Wachsstiftungen zur Rettung des Seelenheils, Wachsstrafen bei Gerichttsver- handlungen waren auch in Villingen üblich. Besonders die Zünfte verhängten wegen Verfehlungen ihrer Mitglieder gern Wachsstrafen. Das Wachs ver- wendeten sie dann für ihre prächtigen Zunftkerzen. Die Wollenweberordnung der Markgrafschaft Baden von 1486 beispielsweise besagt:

"Item welcher knapp fürhin mee zutrinket, das er es nit behalten mag, oder es widder  von ime geyt, soll gestraft werden und zu pene (=Strafe) geben 1/2 Pfund Wachs an unser frouwen kerzen."

Zum Vergleich: Ein Handwerker verdiente damals 24 Pfennig am Tag, ein Pfund Fleisch kostete 4 Pfennig, 1 Pfund Wachs aber 40 Pfennig!

Und noch 1803 wird in einer Verfügung der Stadt Villingen angedroht: "Welcher einen Hund ... in die Kirche einbringen werde, (sei) um _ Pfund (Kerzen-)Wachs zu strafen, ...“

Georg Pictorius, ein Sohn Villingens, später Lehrer an der Lateinschule in Freiburg, Doktor der Medizin und  vorderösterreichischer Physikus zu Ensisheim im Elsaß, ging 1563 mit einem kleinen Buch in die Geschichte der Imkerei ein. Es war das erste in Deutsch geschriebene Buch über die Imkerei, das nicht nur das Bienenleben im Sinne der alten Klassiker, sondern auch aus eigener Erfahrung systematisch die Bienenzucht seiner Zeit beschrieb.

Die Entdeckung der neuen Welt und neuer billigerer Handelsgüter,  z.B. Rohrzucker und Waltran, später das Petroleum, machten der gewerbsmäßigen Imkerei immer mehr Konkurrenz und ließen sie zur Bedeutungslosigkeit verkommen. Aber auf den  abseits gelegenen Schwarzwaldhöfen war die Bienenhaltung weiterhin eine Notwendigkeit zur Selbstversorgung vor allem mit Honig, der ebenso wie Schwarzbrot und "Chrisiwasser" eine wichtige Rolle im Leben des Schwarzwälders spielte.

 

Der „Immenschnieder“ und seine Kunst

Ein großer Aufwand wurde mit den Bienen nicht getrieben. Der Bauer selbst verstand sich oft nur auf das Einfangen und Aufstellen der Schwärme und hatte meist viel Respekt vor seinen stechlustigen Hausgenossen.  Alle anderen Arbeiten wurden häufig einem Spezialisten, dem "Immenschnieder", überlassen, der die Völker einer ganzen Gegend versorgte. Diese fachkundigen Männer wanderten von Hof zu Hof, versorgten den Bauern die Bienen, ernteten den Honig und fertigten aus Honig, Wachs und Kittharz allerlei Wundermittel für Mensch und Vieh, die heute noch ihre Wirkung tun,  soweit die Rezepturen noch erhalten sind.

Dieses Gewerbe der "Immenschnieder" oder "Immenfaktorn" war eine Eigentümlichkeit des Schwarzwaldes. Die Immenschnieder hatten einen besonderen Ruf. Sie waren ebenso wie die Bienen selbst von Geheimnissen umgeben, ermöglichten doch die dunklen Bienenkörbe mit dem fest eingebauten Wabenwerk keinen verstehenden Einblick in dieses unheimliche, wehrhafte Gewimmel, das ganz offensichtlich aber, von einem "Meister" regiert, nach festen Regeln und erstaunlich sachgerecht ablief. Hier war Raum genug für symbolische Deutungen, für Naturzauber und Aberglauben. Die Immenschnieder galten deshalb als heilkundig und im Bunde mit den nicht immer ganz geheuren Mächten der Natur.

Mit unseren Augen gesehen waren sie meist arme Gesellen, oft Originale, die mit ihren imkerlichen Fertigkeiten, etwas Quacksalberei und Kleinhandel mühsam sich und ihre Familien durchbrachten. Hochwillkommen waren sie auch als lebende Zeitungen, die wenigstens in der wärmeren Jahreszeit die Nachrichten aus der Umgebung und der großen Welt draußen auf die Höfe brachten.

Wenn im Winter dann die Arbeit an den Bienen ruhte, wartete eine andere auf den kundigen "Bienemaa": Nur er beherrschte in der Regel die Kunst des Flechtens der neuen Körbe und das Ausbessern der alten. Handgedroschenes Roggenstroh war sein Material, ein Schnitzmesser, eine Ahle und ein ringförmiges Stück Kuhhorn seine Werkzeuge. Aus dem langhalmigen Rog- genstroh wurde ein Wulst gedreht, durch das Stück Kuhhorn gezogen, damit die Stärke gleich blieb, und dann wurde der Wulst spiralförmig aufgewickelt und mit Bändern aus Hasel oder Esche umwunden und vernäht. Dazu wurden die Stecken entrindet, eingekerbt, über das Knie gelegt und gebogen, bis sich ein Span löste. So entstanden die formschönen kleinen Kunstwerke des alemannischen Rumpfes, die oft Generationen lang ihren Dienst taten.

Die ländliche Bevölkerung hielt den Immenschnieder und seine Bienen aber vor allem deshalb hoch in Ehren, weil er mit Honig, Wachs, Pollen und Kittharz (Propolis) über begehrte und wirksame Heilmittel gegen mancherlei "Bresten" verfügte. Was diese Heilmittel in der damaligen Zeit für entlegene Höfe bedeuteten, weiß heute der Städter (mit Arzt und Apotheker gleich um die Ecke) kaum noch nachzuempfinden.

Gegen Husten und Verschleimung galt der Honig, oft in Verbindung mit Zwiebelsud und allerlei Kräutertees, zu recht als hochwirksam, in Verbindung mit Milch als probates Beruhigungs- und Schlafmittel. Bei Verstopfung und Darmbeschwerden wurde Honig als Abführmittel verwendet, ebenso half er bei der weitverbreiteten Mundfäule. Mit Weizenmehl vermengt diente er zur Erweichung von Geschwüren. Viel verwendet wurde auch eine Salbe aus Wachs, Mehl und Öl (Baumöl, Hirschtalg) als Heilmittel bei allerlei Wunden und Verletzungen. Bei entzündeten Augen brachte Honigwasser Linderung. Heißes Brot in Honigwasser eingelegt ergab einen Essig für allerlei Umschläge bei Mensch und Tier.

Als bewährtes Mittel gegen Hühneraugen galt eine alkoholische Lösung aus Kittharz und dem Vorlauf vom Schnapsbrennen. Aus dieser Tinktur mit Wachs, Schweineschmalz und eventuell noch getrockneter Ringelblume angefertigte Salben waren gut gegen Entzündungen und halfen zuverlässig bei Pilzinfektionen (Fußpilz) und Vereiterungen. Und vom Immenschnieder gezielt angesetzte Bienen linderten mit ihren Stichen so manchen Rheumatismus.

Auch bei Krankheiten im Stall war neben dem Schmied der Immenschnieder oft gefragt. Beide wendeten häufig Wachs und Honig bei ihren Rezepturen an. Waren die Kühe beim Gebären unruhig, bekamen sie eine Abkochung von Wabentrestern (Rückstände des bei der Wachsgewinnung heiß ausgepreßten Wabenwerkes) oder einen Honigtrank.  Bei Komplikationen nach der Geburt wurde der Tränke oft eine "Immenschniederkugel" aus zusammengeballten Wabentrestern beigemischt. Bei Verschleimung des Viehs, vor allem der wertvollen Pferde, wurde Honig ebenso angewendet wie bei manchen Erkrankungen des Geflügels.

 

Volksbräuche und Aberglauben

Bienen, Honig und Wachs spielten aber auch eine große Rolle bei  Bräuchen und im Volksglauben.  Eine vielfältige Symbolik rankte sich um die Honigbienen, die ihre Ursprünge oft in der Antike hat. Bienen galten als Symbol der Reinlichkeit, der Jungfräulichkeit, der Liebe. Auf vielen Altarbildern tauchen sie im Hintergrund als Attribut der Jungfrau Maria auf. Sie galten als Sinnbild des Fleißes und der Sparsamkeit, der Wehrhaftigkeit und des Mutes, als Symbol der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung.. Den Bienen wurden prophetische Begabungen nachgesagt. Ließ sich ein Bienenschwarm auf einem Menschen nieder, galt dieser als von Gott auserwählt. Ja, sie galten als direkt aus dem Paradies auf uns überkommen, das sie der Sünden der Menschen wegen verlassen hätten. Gott gab ihnen dafür seinen Segen mit in Form von Honig und Wachs und stellte sie in den Dienst der Kirche. Die Honigbiene wurde selbst etwas Heiliges, Bienensegen und Beschwörungsformeln zeugen davon. In Legenden erscheinen sie als fromme, dienstbare Geister. Die Bienen umgab etwas Geheimnisvolles, das auch auf den Imker abfärbte.

Die Sprache bezeugt dieses besondere Verhältnis: Die Biene "wohnt", sie "ißt", weisellose Völker "heulen". Sie gehört zum Haus, nicht wie das Vieh zum Stall, die Völker "sterben ab". Der Imker ist der "Bienenvater", nicht nur im Schwarzwald. Er redete oft mit seinen Völkern und entwickelt meist auch heute noch ein sehr enges, familiäres Verhältnis zu seinen Immen.

Ein nahes Verhältnis bestand auch zum Schicksal ihres Besitzers, zu Wohl und Wehe des Hauses. Starb der Bienenvater, mußten die Körbe "gerückt" und ihnen der Todesfall mitgeteilt werden, sonst würden sie ihm nachfolgen: "Imb, hus wie du ghuset hesch, der Meister isch us dem Hus" (Gemeinde Gutach). Ortsweise wurden den Bienen auch andere Familienereignisse angesagt, vor allem Festtage wie Weihnachten und Lichtmeß. "Bieneli freuet üch, Lichtmeß isch do" (Gemeinde Schluchsee). Man kaufte nicht gern Bienen eines Verstorbenen, sie könnten aus Kummer fortfliegen oder nicht gedeihen. Verließen Bienen ohne erkennbaren Grund ihre Körbe, bedeutete das den baldigen Tod des Bienenvaters. In der Baar gehörte der Bienenstock zur Aussteuer der Braut. Dem neuen Haushalt wurde der Bienensegen zugeführt.

Die Imkerei war lange eine Domäne des Mannes. Man glaubte, daß die monatliche Unreinheit der Frau zum Auszug der Bienen führte. Das änderte sich erst infolge der beiden Weltkriege, als die Frauen die Völker der eingezogenen Männer betreuen mußten. Aber auch heute noch sind Frauen in der Imkerschaft eine Seltenheit. Der Bienenvater sollte sich Leib und Seele rein halten, alles Unreine, Unkeusche meiden. Trunkenheit, Fluchen und Schwören sowie Unehrlichkeit führten vermeintlich ebenso zum Absterben der Völker wie Unfriede im Haus oder Erbstreit. Bienen sollten Übeltäter und Heuchler erkennen und sie feindlich behandeln. Sie bezeugten die Unschuld, wenn sie das auf die Probe gestellte Mädchen nicht stachen. Sie sollten an das Paradies erinnern: Kinder bekamen Honig als erste Speise, der Täufling einen Tropfen Honig in den Mund.

Beim Bienenkauf durfte nicht gehandelt werden. Wer beim Verkauf betrog oder gar Bienen stahl, "der stiehlt sich alles Glück". Nach Möglichkeit durfte das erste Volk nichts kosten, die Völkerzahl sollte mit der (heiligen) Dreizahl beginnen: einen Schwarm sollte man geschenkt erhalten, einen finden und einen kaufen. Gefundene Schwärme brachten Glück, sie wurden in ihren neuen Körben mit Blumen oder frischem Reisig bekränzt, je nachdem man sie im Wald oder in der freien Flur "geschöpft" hatte. Das letzte Volk durfte niemals verkauft werden, mit ihm würde das Glück vom Stand gehen. Geiz bedeutete leere Waben: Wer einem Kranken eine Honiggabe abschlug oder das Wachs zur Bereitung einer Salbe verweigerte, dem starben mit großer Sicherheit im folgenden Jahr die Völker ab.

Auch die Kerze war Bestandteil vieler bäuerlicher Bräuche. Zu Lichtmeß (2.Februar), dem offiziellen Ende der Weihnachtszeit und des bäuerlichen Arbeitsjahres, versammelten und versammeln sich bis heute Pfarrer und Gemeinde zur Weihe der Kerzen für das kommende Kirchenjahr. Eine an diesem Tag geweihte lange, weiße Kerze schützte Haus und Hof, Mensch und Vieh vor bösen Geistern, Krankheit und Unglück. Früher brachten die wohlhabenderen Familien ganze Waschkörbe voll Kerzen mit: Symbole des geistigen Lichts wie der Vergänglichkeit,  Vorrat für alle Eventualitäten des Lebens, für kirchliche und familiäre Feste wie Osterfeier und Taufen, aber auch für Krankenstube, Sterbezimmer und Friedhof. Rot eingefärbte Kerzen waren für die Frauen, gebleichte weiße für die Männer bestimmt.  Auf den Wachsmärkten zu Lichtmeß tauschten die Bauern das Wachs aus ihren Bienenstöcken gegen fertige Kerzen ein.

Im Kerzenlicht verschwammen die Grenzen zwischen der christlichen Symbolik und dem Aberglauben: Viele versprachen sich von den geweihten Kerzen Schutz. Die durch Rußbeimengungen pechschwarze Wetterkerze bewahrte vor Unwetter, Blitz und Hagelschlag. Bei heraufziehendem Gewitter wird sie mancherorts im Schwarzwald noch heute ins Fenster gestellt. Über der Stalltür schützte ein aus dem Wachs geweihter Kerzen gekneteter Stern vor bösen Geistern, im Bett unter dem Strohsack bewahrte er vor Alpträumen. An Agatha (5. Februar) wurde im alemannischen Raum eine Kerze für jeden Familienangehörigen angezündet, auch für Abwesende und Verstorbene. Im Badischen wurden aus dem Tropfwachs dieser Kerzen kleine Herzchen geknetet und in die Hosennähte der Hirtenbuben eingenäht, um sie vor Unfällen zu schützen. Das Wachs der Ostern in die Kirchen gebrachten und dort angezündeten Kerzen diente später zum Ausräuchern von Haus und Hof gegen Geister und Unwetter. Daraus geformte kleine Kreuzchen schützten ihrerseits als Amulett Stall und Mensch, Hab und Gut.

Auch Heilkräfte sprach man den Kerzen zu. Die rote Kerze der Bäuerinnen brannte für die Gesundheit von Wöchnerin und Kind. Und am „Blasitag“ (3.Februar), dem auf Lichtmeß folgenden kirchlichen Festtag des heiligen Blasius, erteilt der Priester in der Kirche  den Gläubigen noch heute den „Blasiussegen“ zum Schutz gegen Halskrankheiten. Dabei hält er dem Gläubigen zwei gekreuzte, brennende Kerzen schützend vor den Hals. Die Wachskerze begleitete gewissermaßen durchs Leben: sie brannte zu Taufe und Sterbestunde. Drei Tropfen Wachs einer solchen Kerze, ins erste Badewasser getropft, dienten deshalb im Schwarzwald auch als Orakel für die Zukunft des Neugeborenen: Ergaben die Tropfen z.B. kleine schwimmende Sternchen, war das ein Zeichen für eine glückliche Zukunft (Buchenberg / Königsfeld).

Das  Aufkommen der modernen Kastenimkerei  und das damit einhergehende  zunehmende Wissen um biologische Zusamenhänge versachlicht auch den Umgang mit den Bienen. Zusammen mit dem so typischen Strohkorb ver- schwindet auch das geheimnisumwitterte Schwarzwälder Original des Immenschnieders, mit ihm das Jahrhunderte alte Wissen um den Nutzen von Bienen, Honig und Wachs für Körper und Seele des Menschen, in glücklichen Stunden und in  Stunden der Not.

 

Der „alemannische Rumpf“ und seine Nutzung

Dieser alemannische Typ des Strohkorbes, wegen seiner gedrungenen Form auch "Rumpf" genannt,  wurde mit einer Mischung aus Kuhdung und Lehm wetterfest gemacht und auf ein Bodenbrett gestellt. Diese Körbe standen auf der Sonnenseite des Hauses unter dem schützend vorspringenden Dach auf einem Gestell, der "Immenbank", oder auf dem außen umlaufenden "Gang", der die oberen Räume miteinander verband. Oft standen die Bienen auch so, daß sie – nicht nur symbolisch – den Eingang schützten.

Zog ein Bienenschwarm aus, war das immer eine aufregende Sache. Man versuchte ihn durch Lärmen, durch Schlagen auf blecherne Gefäße oder gegen Sensenklingen sowie durch Bespritzen mit Wasser am Davonfliegen zu hindern. Setzte sich der Schwarm z.B. an einem Ast fest, wurde er in einen leeren, umgedrehten "Rumpf" geschüttelt, "eingeschlagen". Den Rumpf hatte man hierzu oft auf eine "Furke" gesteckt und unter den Schwarm gehalten. Der Korb wurde dann auf eine Fruchtwanne gestellt, die man sonst zum Trennen von Korn und Spreu verwendete. Die große Fläche erleichterte das Zufliegen der restlichen herumschwärmenden Bienen, soweit es gelungen war, die Königin mit in den Korb hinein zu bekommen. Sonst zog der Schwarm wieder aus, und das Ganze begann von vorne, wenn der Schwarm dann nicht gar auf Nimmerwiedersehen verschwand. Am Abend kam der Schwarm dann auf die Immenbank zu den anderen Völkern. Solche Körbe mit neu eingeschlagenen Schwärmen wurden oft liebevoll mit Blumen geschmückt.

Die Haupthonigernte erfolgte in normalen Jahren oft erst im Frühjahr um den Josefstag herum (19.März). Die Völker hatten dann auf ihren Vorräten überwintert. Jetzt konnte man ihnen bei beginnender neuer Tracht den überschüssigen Honig nehmen, ohne sie in Hungersnot zu bringen. Dazu wurden die Körbe leicht angehoben, die Bienen mit Rauch besänftigt, die Körbe umgedreht und die Honigwaben vom Immenschnieder mit besonderem Werkzeug ausgeschnitten. Die Bienen bevorzugen es, das Brutnest im vorderen Teil des Korbes, zum Flugloch hin, anzulegen, den Honigvorrat im hinteren, fluglochfernen Teil. Die niedere Form des Rumpfes förderte dieses Verhalten noch. Nach dem Entfernen der Honigwaben wurde der Korb auf seinem Bodenbrett um 180° gedreht. So kam der entstandene Leerraum nach vorne, wurde neu ausgebaut und bebrütet, und beim nächsten Mal konnten im hinteren Korbteil die stehengelassenen älteren, dann mit Honig gefüllten Waben erneut ausgeschnitten werden. Der alemannische Rumpf wurde deshalb auch "Drehrumpf" genannt und besaß als Charakteristikum kein eigenes Flugloch. Dieses mußte im Bodenbrett eingeschnitten sein. Diese Betriebsweise unterschied sich vorteilhaft von der vieler anderer Gegenden, konnte doch so der Honig entnommen werden, ohne das Volk abzuschwefeln, abtöten zu müssen. Bei den schlankeren, höheren Körben z.B. der norddeutschen Heideimkerei war das nötig, denn hier lagerten die Bienen den Honig über und um das Brutnest herum, und beides konnte dann nur zusammen entnommen werden.

Später ging man dann auch dazu über, bei Bedarf den Korbraum zu vergrößern. Bildete sich in der Trachtzeit ein "Bienenbart" am Flugloch des Rumpfes, man sagte auch: "die Bienen lagern vor", war das ein Zeichen dafür, daß er gefüllt war und die Bienen nicht mehr recht arbeiteten. Dann wurde ein aus rohen Brettchen gezimmerter Kasten oder ein strohener Ring "untersetzt". War auch dieser gefüllt, kam ein zweiter oder gar ein dritter Untersatz dazu. Zum Ernten wurde dann ein Draht, ein Strick oder eine Darmsaite zwischen Korb und Untersätzen durchgezogen, damit beim Abheben nicht alle Waben heraus brachen. Der Korb kam dann mit dem Brutnest auf das Bodenbrett am alten Stand, und die Untersätze wurden ausgeräumt. Die darin befindlichen Bienen flogen dem alten Stock zu. Eine weitere Möglichkeit war, durch Aufsetzen einer Strohkappe auf den Korb Raum zu schaffen. Durch ein Scheitelloch im Rumpf stiegen die Bienen in die Kappe, bauten diese aus und lagerten Honig ein. Dann brauchte diese Kappe nur noch abgenommen und durch eine neue ersetzt zu werden. Der Honig wurde oft gleich in dieser Strohkappe noch in den Waben verkauft.

Im Winter wurden die Stöcke mit leeren alten Fruchtsäcken gegen Schnee, Wind und Kälte abgedeckt. Gefüttert wurde kaum, auch dann nicht, wenn doch schon im Spätherbst geerntet worden war. Außer eingedickten Obstsäften hätte auch kein Ersatzfutter zur Verfügung gestanden, und dieses wäre obendrein wenig verträglich für die überwinternden Bienen gewesen. Die Verluste waren entsprechend groß und mußten im Frühjahr durch neue Schwärme ersetzt werden.

 

Die „neue“ Zeit

Einschneidende Neuerungen brachten dann den Aufschwung: Bei den alten Beuten und Körben wurde das Wabenwerk von den Bienen noch fest eingebaut. Bei der Honigernte mußte es herausgeschnitten werden. Der Honig wurde dann ausgepreßt. Zwei Pioniere, Dzierzon und v.Berlepsch entwickelten den Mobilbau und das Wabenrähmchen (1853), rechteckige Rahmen aus Holzleisten, in die die Bienen nun ihre Waben bauen konnten. Damit wurden die Waben beweglich, sie konnten einzeln herausgenommen werden. Solche Rahmen ließen sich aber in runde Körbe schlecht einsetzen, es entstanden rechteckige Bienenkästen unterschiedlicher Bauart, aber mit gleichem Prinzip: Ein ständig bewohnter Brutraum wurde durch ein Absperrgitter von einem zur Trachtzeit freigegebenen Honigraum getrennt. Das Gitter läßt die Arbeitsbienen durch, die größere Königin aber nicht. Damit werden Brut und Honig sauber getrennt, und die Honigwaben können nun, durch das Rähmchen stabilisiert, in der 1865 von Hruschka erstmals eingeführten Honigschleuder ausgeschleudert werden. Die Einführung der Winterfütterung mit Rübenzucker ermöglichte die Entnahme des Honigs schon im Sommer. All das steigerte Ertrag und Qualität erheblich. Die Gründung der Landesvereine für Bienenzucht (Huber für Baden 1857), die Standartisierung von Bienenbeuten und Rähmchenmaß (Badischer Vereinsstock 1857), die Einrichtung von Imkerschulen und das Entstehen der Bezirksvereine (im Jahre 1906 allein in Baden 1.596 Vereine für Bienenzucht) führten zu einer neuen Blüte der Imkerei.

In diesem Zusammenhang wurde auch in Villingen, wohl im Jahr 1868, der Villinger Beziksimkerverein gegründet.

Als weitgehend deutsche Eigenart entwickelte sich auch in unserem Raum im Gefolge der Industrialisierung und der zunehmenden Abwanderung ländlicher Bevölkerung in die Städte aus dem bäuerlichen Immenstand am Hof das Bienenhaus mit seiner kleinbürgerlichen Romantik.

Ende des 19. Jahrhunderts wurde von Seiten der Regierung viel getan, um die Bienenhaltung zu fördern. Lehrer, Geistliche, aber auch z.B. Eisenbahner wurden in speziellen Kursen zur Bienenhaltung angehalten, um damit ihr geringes Einkommen aufzubessern. Und auch in Kriegs- und Nachkriegsjahren war manche Familie froh um jedes Glas Honig zur Eigenversorgung und als begehrtes Tauschgut.

Heute ist die Imkerei überwiegend eine Liebhaberei mit hohem Freizeitwert, aber auch mit einer immensen ökologischen Bedeutung: in unserer immer mehr verarmenden Kulturlandschaft ist die Biene mit ihrer Blütenstetigkeit und mit ihrer hohen Individuenzahl schon im zeitigen Frühjahr der einzige Garant für die Bestäubung  der natürlichen Vegetation und vieler Kultursorten. 84 % aller Blütenbestäubungen erfolgen nachweislich durch die Honigbienen. Aber dieses unersetzliche und ökologisch so wertvolle Insekt kann heute ohne den Imker nicht mehr überleben: Trachtlücken, Krankheiten,  Umweltgifte und vieles mehr setzen  der Biene unerbittlich zu. So fühlt sich der Imker heute nicht nur als Umweltnutzer, sondern auch als Umweltschützer mit wachem Blick für die Entwicklung in unserer Kulturlandschaft.  Wo die Biene nicht mehr leben kann, kann es der Mensch auf Dauer wohl auch nicht mehr.

 

Bernd Möller
Waldau 4
78126 Königsfeld